I kissed a girl and I didn't like it!

Wie   bin   ich   eigentlich   nach   New   York   gekommen ?!

Ohne die 100 Dollar von Elad wäre ich sicher schon verhungert.

Nicht genug, dass er mich 10 Tage durchgefüttert hat, nur weil ich 3 Tage Seekrankheit über mich ergehen ließ, und ihm half sein Boot aus der Dom Rep nach Cuba zu schippern, er bestand auch darauf mir den Flug nach New York zu bezahlen und drückte mir 100 Dollar als "Starthilfe" in die Hand.
"Ganz ehrlich Pia - ich weiß, dass es dich glücklicher macht diesen Flug zu haben, als es mich unglücklich macht dieses Geld nicht zu haben, also nimm es bitte an! Gib mir das Geld wieder, falls du irgendwann ein Buch schreiben solltest."

Er hat mich wie ein großer Bruder behandelt - nur ohne geschwisterlichen Streit- und am Ende nahm ich seine Großzügigkeit sehr Dankbar an.
 

Ich war vor meinem Abflug in die Staaten sehr (seeeehr) aufgeregt!
So aufgeregt wie eigentlich NIE.
Das lag wohl hauptsächlich daran, dass ich so viele Geschichten gehört hatte, von Leuten die gar nicht erst ins Land gelassen wurden, da sie weder ein Ausreiseticket, noch genügend Geld auf dem Konto vorweisen konnten.
Ich hatte einen Freund gebeten mir, bei „Flyonwards.com“ einen Weiterflug zu mieten, der sich nach 24 automatisch wieder storniert.
Super Sache eigentlich.
Wäre da nicht das Kleingedruckte gewesen „Die Buchung kann bis zu zwei Stunden dauern.“
Oh man, also wagte ich mich doch durch die cubanische Passkontrolle, die eigentlich nur verwirrt war, weil ich mit dem Boot, statt mit dem Flugzeug eingereist war.
In Miami sah das ganze schon anders aus: mein Fake-Flugticket war zwar in letzter Sekunde angekommen, verkündete mir aber frech grinsend „Havanna – Atlanta“. (Da hatte der gute Arnaut wohl etwas falsch verstanden….
Egal! Augen zu und durch!
Und auf zur elektronischen Passkontrolle!

„Haben sie etwas zu verzollen?!“ -Nö.
„Tragen sie über 10.000 US Dollar Bargeld bei sich?!“ - I wish.
„Haben sie terroristische Absichten?!“ - Häää?!
„Haben sie Obst und Gemüse, oder Pflanzensamen im Gepäck“ - Ohhhh fuck! Da fielen mir die zwei dicken Tüten Kakaobohnen in meinem Rucksack ein…

Ich antwortete trotzdem mit „Nö.“
Und dann ploppte ein großes, schwarzes Kreuz auf.
30 Minuten bis zum Anschlussflug.

 

 

„Gehen sie bitte zur persönlichen Anhörung.“
Auf dem Weg zum Schalter stopfte ich mir die 4 Kakaobohnen in den Mund die ich in meiner Hosentasche trug.
Vor mir tat sich eine gigantische Schlange schwarz-gekreuzigter auf.
20 Minuten bis zum Boarding.
Stellte mich dann bei dem Kontrollbeamten an, der mit den Leuten witzelte und lachte.
Kurz bevor ich an der Reihe war wurde dieser von einem sehr grimmig dreinblickenden Kollegen abgelöst.
15 Minuten bis Boarding.
„Wohin wollen sie?!“
„Wie lange sind sie schon unterwegs?!“
„Wie lange bleiben sie?!“
„Was machen sie beruflich?!“
„Mögen sie Krokodile?!“
„Ahhh… und wie sieht es mit Schildkröten aus…?!“

Mir riss langsam der Geduldsfaden – 10 Minuten bis zum Boarding.

„Hören sie… Sir…. auf meinem Ticket steht, dass mein Flieger in 10 Minuten geht.
Schaffe ich das denn noch?!"
„Viel Glück – sie waren ja nicht mal beim Security-check“, funkelte er mich an, während er mir mein 3-monatsvisa in den Pass stempelte.

Ich rannte zum Gepäckschalter: „Oh, da müssen sie aber rennen! Boarding beginnt in 4 Minuten und zum Gate D2 ist es SEHR weit!“

Und ich rannte und rannte.
und rannte und rannte und rannte. Und rannte und rannte und rannte.
Ich rannte vorebi an Duty-free-shops, vorbei an Stewardessen und anderem Flugpersonal, vorbei an Starbucks, Mc Donalds und Burgerking.
Der Flughafen erstreckte sich in ungeahnte Weiten: Gate D2 schien unerreichbar.
Ich rempelte versehentlich andere Reisende an, sprang über Koffer und flog förmlich einem Koch mit 30 Eiern auf dem Arm entgegen. Wir mussten beide lachen - darauf folgte Husten und heftigste Seitenstiche. (Lachen und rennen ist keine gute Kombi).
Dann- endlich - leuchtete "D2" vor mir auf.
Ich war empört, dass ich nichtmal die letzte im Flugzeug war und ließ mich erschöpft und verschwitzt auf meinen Sitz Fallen.
Aber ich hatte es geschafft: Ich saß im Flieger nach New York!
Zum ersten Mal seit einem halben Jahr würde ich wieder in einer Großstadt sein...

If you love her send her to new york.

If you hate her send her to New York.

Ich liebe New York.
Ich liebe diese Stadt einfach.
Es war die große Liebe auf den ersten Blick:

„Liebe auf den ersten Blick“ ist ja immer sehr leidenschaftlich und emotional aufgeladen, und im schlechtesten Fall merkt man irgendwann, dass zwar der Sex super ist, aber man eigentlich gar nicht so viel gemeinsam hat, wie man anfangs dachte.

Mit New York ist das anders:
Alles begann mit einer zarten ersten Begegnung im Sonnenuntergang.
Ich war aus dem Flugzeug gestiegen und hatte mich zur Subwaystation durchgefragt.
Jeder – und damit meine ich - wirklich JEDER war außerordentlich nett zu mir, und ich bekam öfter als einmal ein freudestrahlendes „Welcome to New York!“ zu hören.

 

 

Dann die Fahrt mit der ratternden Bahn:
der Stadtrand eingetaucht in goldenes Licht und die vielen Graffitties, die mich so an Zuhause erinnerten, Bäume im Sommerwind und sehr internationale Fahrgäste.

Ankommen in Brooklyn: alles ist etwas abgefuckt und laut – so wie ich es liebe.
(Manhattan ist dafür schick und bunt, schnell und modern, lebendig, aufregend, wild….)

 

Yaxin öffnete mir die Tür ihrer Studentenbude in Brooklyn. Wir hatten uns an meinem allerersten Tag auf Gran Canaria am Flughafen kennengelernt: für mich war sie eine typische, asiatische BWL-Studentin.
Nicht im Traum hätte ich daran gedacht, was sie für ein offener, inspirierender und durchgeknallter Mensch sie eigentlich ist!
Nicht im Traum hätte ich daran gedacht, wie sehr auch ich mich von Vorurteilen leiten lasse.
Ich habe in Yaxin eine echte Freundin und seelische Verbündete gefunden.
Wir sind uns teilweise so ähnlich, dass es mich fast erschreckt.

Aber das wusste ich an meinem ersten Abend noch nicht:
wir tranken Weißwein mit ihrer Freundin Chloe und ihrem Mitbewohner Sascha (Chloe ist auch ein durchgeknalltes Weibsbild, dass mit vielen Künstlern rumhängt, und ziemlich viel gute Laune verbreitet.
Sascha ist ein 20-jähriger Schauspieler, Schriftsteller und Zauberer - und hat schon vor der Queen gezaubert – wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass seine Großmutter eine Freundin von Audrey Hepburn war.)

Ich dachte mir die ganze Zeit:

WTF?! Wo bin ich hier gelandet?!“
Dann gingen wir tanzen – und landeten irgendwie in diesem abgedrehten Schwulenclub.
(Ich mag Gaybars, weil man da nicht angebaggert wird, man daher so ausgelassen tanzen kann wie man möchte, ohne ständig vollgequatscht zu werden, Schwule wissen wie man richtig feiert und immer DIE HITS gespielt werden.)

Ich quatschte und lachte viel mit Yaxin und Chloe und wir tanzten wild und etwas durchgeknallt mit den hübschen Männern im Glitzerfummel, bis ich Bauchschmerzen vor Lachen bekam.

Dieses Mädchen, dass mich die ganze Zeit von der Seite anstarrte kam irgendwann irgendwann, als die Mädels rauchen waren, zu mir rüber getanz.
Sie hatte lange dunkle Haare und große braune Augen und war klein und hübsch.

(Obwohl sie dies auf ziemlich charmante Weise tat dauerte es eine ganze Weile, bis ich realisierte, dass sie mich anbaggerte…)

Oh man… ich habe mich ja schon öfter mal gefragt, ob ich nicht vielleicht auch auf Mädels stehen könnte.
Ich denke öfter bei Frauen als bei Männern „Man, ist die hübsch!“ und manchmal ertappe ich mich wie ich auf den knackigen Mädchenpo vor mir an der Supermarktkasse schiele (ich glaube allerdings das macht jede Frau, ohne gleich lesbisch zu sein, oder?! Oooder?! Keine Ahnung.
(Ich glaube ich sollte mal meine Freundinnen fragen, ob sie auch manchmal auf Ärsche glotzen. Mhh, ist ja auch egal!)

Seit diesem Abend weiss ich es nämlich genau:

Neee…

Ich stehe auf Männer!

Denn irgendwie hat mich dieses lesbische Luder dann doch rumkriegt mit ihr zu knutschen.
(Ich hatte gute Laune, dachte mir „Mhh… ist mein erster Abend in New York – Why not?!“
Ich war wohl ohnehin in einer Laune wie ich sie bisher nur vom Reisen kenne: dieser Tanz auf Straßen, auf denen niemand deinen Namen kennt, und du dich völlig in den Moment fallen lässt, um dich zu 100% zu spüren und zu entdecken. Also warum dann nicht mal eine fremde Frau Küssen?!)
Ihr Mund war weich und warm - würde ich auf Mädels stehen, wäre ich sicher dahin geschmolzen.

 

Ich hielt ihren kleinen Kopf zwischen meinen Händen und strich ihr durch ihre langen Haare, während sie meinen Hals küsste.
Nach einer Minute -und gefühlten 10- gab ich's auf. Da war einfach nichts was ich toll daran fand eine kleine, nach Parfüm riechende Schönheit zu küssen.

Sie war offensichtlich beleidigt, als ich mich wieder den Männern in ihren Glitzertops und meinen Mädels zuwendete und so komisch weiter tanzte wie bisher.

Das Thema Frauen ist in diesem Leben für mich abgehakt.

Das Thema New York noch lange nicht…

Ich habe erst einen Bruchteil dieser Stadt zu Gesicht bekommen und es gibt noch so vieles zu entdecken.

Tagsüber schlendere ich durch die Hochhausschluchten, sitze an großen Plätzen und in kleinen Cafes, schreibe und gucke mir die Leute an.
New York ist unheimlich inspirierend - tatsächlich war das letzte Mal, dass ich so begeistert von einer Stadt war, die Klassenfahrt mit 14 in London.
"Hier möchte ich mal leben!", dachte ich damals und zwei Jahre später zog es mich nach England.
Meinen ersten Abend verbrachte ich in einem Gayclub, den zweiten auf einem Jazzkonzert, den dritten auf einer schicken Rooftopparty. (das Jazzkonzert hat mir allerdings am besten gefallen, daran merkt man wohl, dass man älter wird?! Die Clubs kann man hier scheinbar eh vergessen,aber das ist nochmal eine Geschichte für sich: die Partys sind teuer und wer extra zahlt bekommt einen VIP-Bereich.)

Dafür lässt es sich in New York für mich auf jeden Fall leichter Geld verdienen, als in der Dominikanischen Republik.
Habe mich im Central Park mit einem Geiger unterhalten, der meinte, dass Performance jeglicher Form Legal sei.
(Nach meinm ersten Job bei „Burger King“, meinem zweiten bei „Subway“, und den 100 Bar – und Kellnerjobs hatte ich mir ohnehin irgendwann mal geschworen nie wieder in der Gastro zu arbeiten.)

Aber so wie New York mich aufgenommen hat, wird sicher etwas wundervolles passieren….

Ich verliere nicht das Vertrauen, denn ich habe gemerkt, je mehr ich vertraue, umso mehr Gutes widerfährt mir.
Noch nie habe ich mich schöner, lebendiger und freier gefühlt.
Auch wenn ich mich manchmal Nachhause sehne, Freunde, Familie und meine Lieblingsplätze vermisse, habe ich es nicht eine Sekunde bereut diese Reise angetreten zu haben.