Urlaub auf der Horrorfinca

„So jemanden wie dich haben wir noch nie getroffen.“
(und das sollte kein Kompliment sein.)
„Fast die Hälfte deines Lebens ist schon vorbei und du hast dich noch nicht auf einen beruflichen Werdegang festgelegt. Du musst langsam mal beginnen dich für's Alter abzusichern!“

Ich sah Simone (62) Und Jürgen (irgendwas Mitte 40) ruhig an.
„Wer weiß, vielleicht ist auch schon über die Hälfte meinses Lebens vorbei- oder ich werde 110… Ich möchte die Welt entdecken und glaube nicht, dass ich mich bis zum Ende durch ein Studium durch nagen muss, wenn ich merke, dass es nicht mein Weg ist und mich nicht erfüllt. Ich möchte etwas machen, dass mir Freude macht und mir sinnvoll erscheint.“

Simone antwortete trocken: „Etwas das dir Freude macht?! Etwas das „sinnvoll“ ist?! Die meisten Menschen arbeiten in erster Linie, um Geld zu verdienen. Da ist es dann egal, ob es ihnen Freude macht und ob es sinnvoll ist!“

 

 

Genau da liegt wahrscheinlich das Problem:
Ich glaube Simone macht in ihrem Leben weder viele Dinge die sie erfreuen, noch leistet sie irgendetwas für ihre Umwelt (außer vielleicht, dass sie zwei Reisende bei sich einquartiert, die nach zwei Tagen so verstört sind, dass sie befürchten an die 6 Hunde oder die 60 Katzen verfüttert zu werden.)

Da saßen Jonny und ich nun bei Simone und Jürgen auf der „Horror-Finca“, wie wir sie rückblickend liebevoll nennen.
Als deutscher Zimmermann wird Jonny überall erkannt und so kam es, dass wir ein paar Tage für Kost und Logis auf einer Kaffeeplantage in den Bergen arbeiten durften.

Wir wurden von den beiden in Cabarete eingesammelt und fuhren dann ca eine Stunde:
Wir tauchten ein in wunderschönste Grün- und Blautöne, die Luft wurde kälter und frischer und ich fühlte mich dankbar, als ich fröhlich quasselnd auf der Rückbank des Jeeps saß und mir der warme Wind durch die Haare flatterte.

 

Wir durchfuhren viele kleine Dörfchen und bogen irgendwann auf eine kleine Schotterpiste, auf der wir uns noch einige Kilometer den Berg hinauf schlängelten.
Jürgen erzählte uns, dass er vor über 10 Jahren aus Deutschland ausgewandert war und dass sie lange nach einer passenden Finca für den Kaffeeanbau gesucht hatten.

64 Hektar nennen die beiden nun ihr eigen, auf denen sie unter anderem Kaffee, Mangos und Avocados anpflanzen.

11 Arbeiter kämpfen sich seit Jahren durch den dichten Dschungel: grubbern und pflanzen, bewässern und ziehen Stacheldrahtzäune. 11 Esel fressen das Unkraut und düngen den Boden.
6 „sehr gefährliche“ Hunde bewachen die Finca.

Ich wollte jedes Detail aufsaugen, stellte viele Fragen:
Warum sie Haitianer eingestellt hatten, statt Dominikaner?
Warum sie aus Deutschland ausgewandert waren?
Wie viel Kaffee sie ernteten und wohin sie die Kaffeebohnen brachten?

Als wir auf der Spitze des Berges ankamen warteten dort schon die 6 „sehr gefährlichen“ Hunde und ca 60 (!!!) rote Katzen.
Ein regelrechtes Bell- und Mauzkonzert begann, und als alle Tiere versorgt waren und endlich Ruhe eingekehrt war bekamen wir Antworten auf Fragen die wir nicht gestellt hatten….

 

Es ging um Menschen mit denen sie Streit gehabt hatten, die dann auf mysteriöse Weise verunglückt waren, oder tot im Bett aufgefunden wurden.
„Die Insel regelt alles.“
Simone erzählte, dass ihre Tochter sie nicht wieder besuchen würde, ehe sie nicht ihre Einstellung in manchen Dingen ändern würde... („Wenn ich mit einer Knarre in Deutschland wäre würde ich die Eselficker alle abknallen! Ich bin sehr rechts – Jürgen auch! Und wir stehen dazu! Aber zum Glück sind wir ausgewandert, was grade in Deutschland passiert ist nicht mehr unser Problem!“)

Diese Worte aus dem Mund einer Frau die gerne bastelt, tierlieb ist und meine Oma sein könnte!
Am ersten Abend waren die Aussagen noch verhältnismäßig harmlos.

Vielleicht war das der Grund, warum wir nicht schon am zweiten Tag das Weite suchten.
Vielleicht war es auch die Schönheit der Natur die uns in ihren Bann zog.

Nach den abendlichen Gruselgeschichten entließen sie uns in die Nacht:
Vom Haus der beiden führte ein kleiner Weg zu unserer Betonhütte mit dem Wellblechdach.
Der Weg war gesäumt von verschiedensten Bäumen, Gräsern und Blüten in denen Grillen und Glühwürmchen wohnten.
Man hörte die Geräusche des Dschungels und des Windes – und sonst nichts.
Sterne und die tausenden Glühwürmchen die wie kleine Blitze flackernd den Hang erleuchteten…
In der Dunkelheit sah man die zwei weißen der vier Pferde im Mondlicht…

Ich weiß, es klingt sehr verkitscht-romantisch und ja, das war es auch. Dieser Ort war magisch und berührte mich sehr… Wäre da nicht die böse Hexe mit ihren 60 Katzen auf dem Berg gewesen…
Ich stellte mir vor wie sie ihre Feinde einfach an ihre Tiere verfütterte, denn von Menschen die ihnen nicht wohlgesonnen waren erzählten sie täglich…

Ich gruselte mich beim Einschlafen, achtete auf jedes Geräusch.
Ich fürchtete mich nicht vor den Haitianern in der Nachbarhütte, sondern vor Simone und Jürgen aus meiner Heimat. „Ich finde es gut, dass es hier legal ist Waffen zu haben. Vier Reihen Stacheldraht bedeuten, dass man jemanden der unbefugt seinen Grund und Boden betritt erschießen darf! Und wer klauen will hat das definitiv verdient.“

 

 

Am Morgen prasselte der Regen aufs Dach, ich kuschelte mich in ein großes Kissen und blätterte in einem Buch das neben mir im Regal rumstand: „Die Liebe“ …

Ein paar Kapitel handelten davon, dass man die Menschen nicht an ihren Ideologien festmachen sollte, da man sich ansonsten voneinander trenne.

Also neuer Tag, neues Glück! Dickes Fell angezogen und los!
Erstmal Pferde putzen und Wellblechdach streichen (über „Schnorrer“ wetterten sie ja schon genug…)

 

 

Wir gaben uns wirklich Mühe gute Gäste zu sein, aber sie machten es uns nicht leicht:

Aber jeden Tag kippten sie ihre braune Soße über uns aus und als sie mir am Freitag förmlich die Hand haben und mich spüren ließen, dass aus meinem Leben ihrer Meinung nach eh nie etwas werden würde, ahnten sie nicht wie viel sie für meine Zukunft getan hatten: ich spürte wie viel ich aus dieser Begegnung gelernt hatte und wie leid sie mir taten. Mit all ihrem Hass, ihrer Einsamkeit und ihren Vorurteilen….

 

 

Am Freitag wanderten wir zurück zur Straße und trampten zurück nach Cabarete.
Im Dorf wurden wir freundlich gegrüßt und das erste Auto nahm uns sofort auf seiner Ladefläche mit…

 

 

Abends saßen wir mit Marion, Klaus und Sascha zusammen:
„Wäre das nicht geil?! So ein bedingungsloses Grundeinkommen?! Wenn eh immer mehr Maschinen Arbeiten übernehmen, dann müssten bald viel weniger Menschen arbeiten und die die arbeiten wollen hätten sogar Spaß an ihrer Arbeit! Verrückte Vorstellung, oder?!“
Einen Tag später darf ich bei Arif wohnen, Arif kommt aus dem Irak und ist mit 5 Jahren mit seiner Familie nach Deutschland geflüchtet und in Aachen aufgewachsen.
Unsere Welt ist voller Gesichter und Geschichten. Ich versuche zuzuhören, alles in mich aufzusaugen und unvoreingenommen zu handeln.
„Wie willst du denn die Welt verändern?! Mit Umarmungen?!“, fragte mich Simone und grinste mich herablassend an.
„Du glaubst gar nicht wie vielen Menschen eine Umarmung gut tun würde...Oder ein offenes Ohr, ein Lächeln, oder ein aufbauendes Wort.“

Mit Hass und Vorurteilen wird sich diese Welt jedenfalls nicht verändern.
Simone und Jürgen hatten Angst ihr Geld zu verlieren und zogen auf die spitze eines Berges in den Dschungel. Da sitzen sie nun auf ihren Millionen und glücklich scheinen sie trotzdem nicht zu sein...