"Wie ist es ein Leben zu führen von dem andere Menschen träumen?!"

 

Im Paradies angekommen fühle ich mich manchmal wieder wie ein Kind.
Das liegt wohl daran, dass ich mir die Freiheit genommen habe auf meine innere Stimme zu hören, mir meinen Rucksack auf schnallte und einfach los reiste.

Tanja schickte mir neulich eine Nachricht, in der sie fragte, wie es ist ein Leben zu leben von dem andere Menschen träumen. Ich war etwas verdutzt über diese Frage, da ich mir vorstellte wie sie mit ihrer großen Liebe und ihrem Baby auf einer Frühlingswiese saß, während sie mir diese Nachricht schickte. Wir träumen alle von etwas anderem – und am ehesten von dem was wir nicht haben.
Ich musste einfach mal losgehen um zu sehen wovon ich überhaupt träume und ob es sich am Ende so anfühlt wie ich es mir vorgestellt hatte.
So schien mir ein deutscher Apfel vom Baum in diesem Moment nicht weniger köstlich als eine karibische Kokosnuss und umgekehrt und ich fühlte, dass ich diese Reise angetreten hatte, um nicht das Gefühl zu bekommen etwas verpasst zu haben und meine Träume nicht gelebt zu haben.

Es war noch früh am Morgen, doch die Sonne brannte bereits auf uns hinab.
Um zum Fuße des Vulkans zu gelangen mussten wir einmal quer über die Insel trampen und trafen dabei auf die verschiedensten Menschen, die uns entweder sagten es sei zu gefährlich am Strand zu schlafen, oder es sei zu gefährlich zu trampen und überhaupt hatten sie uns nur mitgenommen, ehe es ein Massenmörder tat.
Eine junge Frau sagte sie wäre nie so mutig, aber das sie vermute, dass die Menschen hier nur sagten es sei gefährlich am Strand zu schlafen, weil es ganz einfach keiner machte und sie daher vermuteten, dass es gefährlich sei.

Wir hatten neben einem malerischen Leuchtturm geschlafen und uns am Morgen auf den Weg gemacht.
Anfangs fühlte ich mich wie in einem Tropenhaus, der Weg war gepflastert und uns umgab dichter Dschungel. Obwohl wir sonst meist laut und aufgedreht sind fingen wir automatisch an zu flüstern.
Wir lauschten dem Plätschern kleiner Bäche, den verschiedenen Vogelarten, dem leichten Wind der durch die hohen Bäume rauschte und unserem Gedanken. Noch nie zuvor war ich mitten im Regenwald gewesen, die Luft war sehr feucht und doch angenehm kühl.

„Wann habe ich zum letzten Mal etwas zum ersten Mal gemacht.“ , dachte ich als ich über die letzten Tage nachdachte. Wir waren mit Meeresschildkröten getaucht und hatten in einer heißen Quelle am Meer unter den Sternen Cidre getrunken, Kokosnüsse von Palmen geholt und ich hatte mich auf dem Markt durch die verschiedensten Obstarten genascht, wir hatten mit Einheimischen das Lokale Getränk gesoffen und ich hatte ein paar neue Wörter auf französisch dazu gelernt, ich hatte die komischten Fische beim schnorcheln beobachtet und am Strand die schönsten Muscheln die ich je im Leben sah gesammelt. Jeden Tag kam irgendetwas neues dazu, dass ich noch nie erlebt hatte und in diesem Moment befand ich mich auf direktem Wege zum ersten Mal einen aktiven Vulkan zu besteigen.
Der Sufriere hat eine Höhe von 1468 Metern und wenn man ihn in den frühen Morgenstunden besteigt hat man eine phantastische Aussicht über Guadeloupe.
Auf der kargen Spitze leuchtet das Lavagestein in prächtigstem Rot und die Moose und Gräser in satten Grün-tönen. Aus dem Krater, den sie hier den See des Teufels nennen, strömen dichte Schwefelwolken und an einigen Stellen am Wegesrand befinden sich kleine Löcher aus denen ebenfalls nach Ei stinkender Schwefel empor steigt.
Wir machten ein kleines Picknick neben der magischen Stinkewolke und bahnten uns dann einen Weg durch quirlige Schulklassen, keuchende Rentner und schwitzende Reisende - und waren froh, dass wir nicht in der Mittagshitze losgegangen waren.

Da es noch sehr früh war wollten wir einen anderen Weg gehen, als wir gekommen waren.
Auf unserer Touri-Karte war dieser nicht eingezeichnet, aber Aneta schwor auf eine seltsame Landkarten-App auf ihrem Smartphone und tatsächlich kamen wir nach ein paar hundert Metern an eine Kreuzung. Zwei Mädels machten dort eine Pause und gingen dann den sonnigen Weg Richtung Parkplatz zurück.
Auf dem Schild das in unsere Richtung wies stand irgendwas französisches, dass verdammt nach „Achtung, Gefahr!“ klang.
„Das schlimmste das passieren kann ist das es anfängt zu regnen.“, sagte Aneta, während wir in die Richtung eines grauen, verregneten Pfades stierten.
Dichte Wolken umnebelten uns und der Regen kam nach nicht mal 50 Metern. Wir hatten andere Touristen über ihre festes Schuhwerk und ihre Regenfeste Kleidung belächelt und nun wären wir zu belächeln gewesen, während wir uns unsere riesigen, schwarzen Müllsäcke über stülpten, die wir für den Notfall aus einem Restaurant mitgenommen hatten.
Alle paar 100 Meter blieben wir stehen und fragten uns, ob es nicht besser wäre umzudrehen.
Ich vermute, dass das was uns bewegte weiter zu gehen, war nicht die Aussicht auf einen wunderschönen Weg, sondern die Faulheit diesen steilen, zugewucherten Abstieg wieder hochzukrachseln war.
Also machten wir uns gegenseitig Mut, dass der Weg ja bestimmt bald besser werden würde (durch die dichten Wolken konnte man grade mal ca. 6 Meter weit sehen…).

Wir hüpften über ein paar Steine eines kleinen Baches und plötzlich veränderte sich der Weg in der Tat: es war einfach kein Weg mehr da!
Statt seiner tat sich vor uns eine Felswand auf und an ihr baumelte ein dickes Seil hinab.

 

Ich fühlte mich ein wenig wie Alice im Wunderland, die am Anfang ihrer Geschichte ein Fläschen findet, auf dem „Trink mich!“ steht und sie es einfach trinkt, weil sie ohnehin keine Wahl hat.
Also nahm ich all meinen Mut und meine Kraft zusammen und kletterte den unbekannten Weg hinauf, in der Gewissheit, dass es dann keinen Weg zurück gab und in der Ungewissheit ob der Weg oben weiter gehen würde.
Ich tauchte ein in dichtes Grün, riesige Blätter umrankten uns, die Luft roch herrlich und wir waren froh nicht umgekehrt zu sein und einen Weg zu gehen, den kaum ein Tourist jemals ging.
Ich fühlte mich erleichtert in der Gewissheit, dass es hier keine gefährlichen Tiere gibt (außer diesen ekelhaften 1000Füßler, der neulich Nachts am Strand fast in meinen Schlafsack gekrabbelt war) und ich fühle mich erleichtert bei dem Gedanken, dass wir am ersten Tag auf der Insel mit einem Hubschrauber Piloten der uns beim trampen mit zu sich Nachhause genommen hatte, Ti-Punch (das beliebteste Getränk der Einheimischen) getrunken hatten und er mir erzählte, dass er für alle Notfälle zwischen den Inseln Martinique, Dominica und Guadeloupe zuständig sei und mich retten würde, falls ich beim durchqueren des dichten Dschungels einen Beinbruch, oder ähnliches erleiden würde.
Und so liefen wir weiter. Kilometer um Kilometer, Stunde um Stunde. Laut Anetas App waren wir kaum voran gekommen, die Zeit aber schritt voran. Wir überquerten einige Flüße und mussten noch oft klettern. Der Schlamm machte uns zu schaffen und unsere Beine wurden müde.
Mit den Worten „Ich bin nicht negativ, ich sehe es nur realistisch!“, versuchte ich die arme Aneta, die den Tränen nahe war auf eine Übernachtung im Dschungel vorzubereiten.
Das Wasser neigte sich dem Ende und wir hatten nicht mehr und nicht weniger als 3 Kekse.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kamen wir völlig erschöpft, aber glücklich an einem Aussichtspunkt an. „Humans!!!!“, rief Aneta aus und wir mussten uns beherrschen ihnen nicht entgegen zu springen (wir hatten versucht uns den Schlamm so gut es ging von der Haut zu waschen,aber unsere Klamotten waren völlig verkrustet vom braunen Matsch).
Da es das letzte Auto war mussten sie uns einfach mitnehmen! Und wir hatten Glück! Und glücklich ließen wir unsere müden, verschlammten, Körper neben eine pariser 10-jährige auf der Rücksitzbank fallen und wurden bis zum Hafen auf der anderen Seite der Insel mitgenommen.

Auch wenn der Weg am Ende kein richtiger Weg war und es mich körperlich sehr gefordert hat, war ich sehr froh, dass wir uns nicht dafür entschieden hatten den Tag am Strand oder im Café zu verbringen. Manchmal muss man es einfach wagen Wege zu gehen, die nicht viele Menschen einschlagen.
Ich glaube so ist es ein Leben zu führen von dem andere Menschen träumen: einfach mal losgehen! ;)

 

 


Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Moe (Dienstag, 11 April 2017 17:14)

    Sehr cooler Bericht!!! Toll geschrieben!!!
    Jetzt habe ich fernweh und will auch wieder reisen.

    Ganz liebe Grüße aus Koblenz,
    dein Thomas (Moe)

  • #2

    Pia (Dienstag, 11 April 2017 18:08)

    Danke Moe!!! ;D
    Ich hab auch manchmal Heimweh, statt Fernweh! ;) so sind wir alle mal wehleidig ;)
    Liebste Grüßeeeee aus der Sonne!

  • #3

    Jan aus Treptow (Dienstag, 11 April 2017 20:42)

    Krasse action. Du kannst ja richtig gut Geschichten schreiben! Ich musste mehr als ein Mal schmunzeln, haha ... finde ich cool, was du da machst ;) Weiter so, lass dich nicht unterkriegen :)

  • #4

    Opa Winne (Sonntag, 16 April 2017 12:48)

    Ich liebe Deine Geschichten und natürlich Dich noch 100 x mehr.