Sie ahnten ja nicht was ihnen bevorstand!

Ich glaube meine Ma steckt mit Anfang 50 grade voll in ihrer Midlifecrisis.
Ich glaube auch, dass man solche Krisen wohl sein ganzes Leben zu bewältigen hat, nur eben die Midlifecrisis ist die, der man einen Namen gegeben hat, weil sie auffälliger ist als eine Krise, die mit Mitte 20 zu bewältigen ist. Denn mal ehrlich: wer kann sich schon mit 25 eine fette Karre leisten?! Die Titten müssen auch noch nicht hoch geschnallt werden und eine 10 Jahre jüngere Freundin wäre nicht nur uncool, sondern auch gesetzeswidrig… In engen Lederklamotten auf einem Motorad ist eine Krise in diesem Alter auch noch nicht zu erkennen…
Ich möchte auch gar keine Klischees bedienen, so eine Krise sieht ja auch bei jedem Menschen anders aus und kann einen vermutlich zu jeder Zeit und in jedem Alter überfallen…
Jemand der in einer Krise steckt und dann genau das macht, dass er vielleicht schon immer tun wollte darf sich dann anhören „Ach, der Alte steckt wohl in seiner Midlifecrisis…“
Bei Jungen Leuten ist das einfacher, falls sie genau das tun, dass sie tun möchten:
Denn wenn ich ehrlich bin habe ich mich wahrscheinlich wegen einer kleinen Krise dazu getrieben gefühlt endlich meine Weltreise anzutreten:
Der Schüleraustausch im englisch-sprachigen Ausland ist lange hinter mich gebracht, Interrail durch Osteuropa ist im Kasten, in Thailand und Indien war ich auch schon, für „Work and travel“ in Australien fühle ich mich schon zu alt und die 30 rückt auch immer näher. Dann hat man irgendwann Kinder und einen Job der einen völlig einnimmt und alles was man sich mit Mitte 20 erträumt hatte bleibt auf der Strecke. Also LOS! LOS! Lieber alles wagen, als die ganze Zeit rumzujammern, was man alles tun würde wenn man denn könnte….
Immerhin möchte ich nicht irgendwann klingen wie meine Mutter „Hätte ich das mal in deinem Alter gemacht...“
Tatsächlich fragte ich mich draußen auf dem Atlantik „Warum mache ich das hier eigentlich?! Hätte ich das mal nicht gemacht...“

 

21 Tage auf einem 14einhalb Meter Boot, mit 3 wildfremden Menschen sind wahrscheinlich in jedem Fall anstrengend. Dennoch ist meine Crew recht putzig! Sie besteht aus unserem Kapitän Bernd (wer hätte gedacht, dass ich mal zu jemandem aufs Boot hüpfe wo Schwabe isch), Jonny dem sympatischen Wandergesellen aus Dresden und Claudio, einem „fertigstudierten“ Schweizer mit bunten Augen und einem gemütlichen Wesen- wie Schweizer nun mal sind.
                    Hier die Honigkuchen-Crew:

 

Vor der Abfahrt kauften wir noch allerhand ein: viele Kekse und viel Schnaps- ein echtes Fressboot.

 

Zwei Tage bevor es losging hatte mir Bernd geschrieben: „Pia, jetzt scheiß mal auf deine Seifenblasen und hilf uns hier an Bord – wir fahren schließlich nicht übern Bodensee!“
Eine Woche später saßen wir mit Joint und Sekt und Bodenseefeeling auf dem spiegelglatten Glitzerwasser des Atlantiks.
Außer das es auf dem Bodensee wohl keine kichernden Delfinen im Sonnenuntergang gibt...
Es wurde öfter mal gekifft und unser Käptn gönnte sich gerne mal 1 - 7 „Sundowner“ (auch das ließ mich anfangs beten).
Ich fühlte mich die meiste Zeit wie ein Kätzchen, das man auf einen Baumstamm gesetzt und auf irgendeinen großen Tümpel hatte treiben lassen. So rollte ich mich die meiste Zeit mit einem Buch unter meinem selbstgebastelten Sonnensegel zusammen und schaufelte massenhaft Kekse in mich hinein.

 

 

Sämtliche Emotionen kochten die letzten 21 Tage in mir auf: Die anfängliche Freude war durch Seekrankheit die ersten zwei Tage vom Winde verweht und dann folgte – natürlicher Weise- die Angst, dass wir niemals in der Karibik ankommen würden. Da bogen wir grade gen Westen ab - raus aufs offene Meer- kein Weg zurück. Ich sah mich, mitten auf dem Meer, auf einem Boot, dass Stück für Stück auseinander zu fallen schien: Erst sämtliche Türschlösser – man hatte ab und an eine Klinke in der Hand- darauf folgten herunterhängende Lampen und der Griff vom Herd und auch die winzig-kleinen Schrauben hielten den Tisch nicht am Boden fest. „Alles nur Deko!“, sagte unser Skipper. (Das war aber noch bevor sich drei von vier Schrauben des Ruders gelöst hatten und ein kleines Gewitter ganz hinterhältig eines Nachts das Parasail zerriss.)

Was bleibt einem da anderes übrig als zu vertrauen – wenn man noch über 2 Wochen vor sich hat und nicht völlig durchdrehen will ?!
In meinem Kopf gab es nur zwei Möglichkeiten: leben oder sterben, denn auf dem AIS-Radar sah man keine anderen Boote, die einen im schlimmsten Fall hätten retten könn
ten und ich hatte auch kein Vertrauen in diese komische aufblasbare Rettungsinsel.
Ich erinnerte mich an meine Tante die an Weihnachten neben mir gesessen und geheult hatte und mir die Worte „Und wenn Pia dann nicht mehr ist, dann ist sie halt einfach nicht mehr da!“
ins Ohr jammerte. (Ich hatte auch geheult, aber eher weil ich so genervt von meiner Familie und ihren Sorgen um mich war. )
Keiner von uns hätte damals wissen können, dass eine Atlantiküberquerung Ende Februar –
Dank des perfekten Windes- einer Spazierfahrt gleicht. Einer sehr laaaangen Spazierfahrt.
5000 Kilometer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 10km/h. -
Das ist die pure Entschleunigung.

Zum Sonnenuntergang kamen oft Delfine, hüpften eine Weile um uns herum, bevor sie wieder in ihr „under-water-nightlife“ verschwanden. Dann begann fluoreszierendes Plankton um unser Boot zu glitzern und wir wurden Eins mit dem Sternenhimmel (jaja, ich weiß… das klingt alles sehr, sehr kitschg: Delfine die im Sonnenuntergang -dem wir entgegen rauschten- ums Boot tanzen, während rosa Wolken sich am Himmel kräuseln, dann kommt die Nacht und alles beginnt zu funkeln, aber: so war's!)
Sterne, soweit das Auge reichte… Ich legte mich auf die kleine Bank an Deck und es fühlte sich an, als läge ich auf einem fliegenden Teppich, der uns durch die Nacht trug… Und nun kommt wohl der kitschigste Teil, denn unser Boot hieß auch noch „Stern des Meeres“ .
Aber genug davon!
Es gab auch die Tage an denen die Wellen zu greifenden Händen wurden, die nach uns grapschten und uns dann doch verschonten, als wollten sie das Bötchen nur ein bisschen durch die Gegend schubsen. Manchmal schlich sich eines der kleinen Gewitter an uns ran, schüttelte uns, riss an den Segeln, regnete auf uns herab und verschwand wieder.

 

 

Es war schon eine besondere Erfahrung, auch wenn ich mich selten so gelangweilt habe.
Wir schliefen viel, sehr viel, aßen viel, sehr viel, wurden immer fauler, lachten, redeten, stritten uns auch mal, spielten Skat, guckten einen Abend Ronja Räubertochter auf dem Laptop, ließen uns an einem Seil vom Boot hinterher ziehen, lasen, aßen und schliefen dann wieder.
Ich denke ich habe wirklich Glück gehabt mit meiner Crew, auch wenn ich als wir in Guadeloupe, der höchst besiedeltsten Insel der Karibik, einfuhren, das Gefühl hatte als müsse ich den Boden küssen….
Da wusste ich dann auch, dass es normal ist, dass an Segelbooten immer alles kaputt geht – besonders in den ungünstigsten Momenten. Ich erinnere mich noch an die Jungs in meiner Teenie-Zeit, die immer an ihren Mopeds rumschraubten. So ist das wohl auch bei Yachtbesitzern – es gibt immer was zu schrauben…. Und auch wenn ich mich öfter mit meinem Käptn angezickt habe, waren wir doch eine gute Crew und hatten auch viel Spaß in den 3 Wochen (schlimmer geht’s immer…):

Wir trafen am ersten Tag hier ein Mädel, das mit einem französischen Pärchen auf dem Boot, dass uns gegenüber liegt mitgesegelt war. Er war wohl ausgerastet, hatte seine Frau geschlagen und ihr dabei das Bein gebrochen. Auf dem Liegeplatz daneben liefen die Koreaner ein, die wir schon aus Las Palmas kennen (mir wurde gesagt ich solle sie fragen, zum Glück hat mir mein Bauchgefühl davon abgeraten…) Auf diesem Boot ist der Kapitän wohl so gebieterisch, dass das Lachen während der Nachtschichten untersagt ist – die beiden Mitsegler flüchteten für eine Nacht auf unser Boot.
Ich bin sehr glücklich und dankbar, für diese Erfahrung, mit ihren Höhen und Tiefen (ich weiß jetzt, dass man im Zweifelsfall tatsächlich gerettet werden kann und bin froh, dass ich nicht aus Angst vor dem Unbekannten an Land geblieben bin.)
Mein Skipper war sehr erstaunt, das jemand der NOCH NIE gesegelt ist mit einer Atlantiküberquerung anfängt. Aber was bringt denn auch ein Tagesausflug, wenn die Seekrankheit erst nach 2 Tagen vergeht?! (Und seekrank wird fast jeder ein bisschen, war nicht schön, aber war auch nicht wirklich schlimm und nur bei 3% der Geplagten vergeht es nicht.)
Also sollte man einfach gucken was passiert, ehe man hinterher sagt „Hätte ich das doch gemacht...“ Abgesehen davon gibt es in so einem Fall gar kein „hätte“.
Mein Kapitän ist auch um die 50 und erfüllte sich mit der Atlantiküberquerung einen Jugendtraum, er hat eine verständnisvolle Familie Zuhause die ihm den Raum gibt diese Erfahrung zu machen. Ich finde das wunderbar.
Auch meine Mami schrieb mir, dass sie im Sommer auch auf Reisen gehen will. Seit Jahren redet sie davon, aber nun scheint sie es wirklich anzupacken. Der Rucksack ist gekauft und sie lernt fleißig englisch- in der Schule lernte sie ja nur Russisch- als alte Ost-Göre. Somit ist ihr Englisch genauso scheiße wie mein Spanisch, aber was solls?!
Rucksack aufgeschnürt, ein paar Stullen geschmiert, 3 Goldstückchen eingepackt und auf geht’s!
Ich würde jedem, der reisen möchte raten einfach los zu ziehen! Wenn du Zweifel hast rede mit Menschen die das das du vorhast schon mal gemacht haben. Mir wurde von so vielen Menschen Angst eingeredet, die selbst keine Ahnung haben. Das sind auch die ersten die mich naiv nennen würden, aber wie anzunehmen ist bin ich weder der erste Mensch, noch die erste Frau, die über den Atlantik segelte. Nun sitze ich unter einer Palme am Strand. Ich weiß noch nicht viel über die Insel, verstehe kein Wort und die Menschen sind seeehr schwarz. Richtig angsteinflößend könnte man meinen!?
Trampen klappt auf Guadeloupe hervorragend, die Menschen sind sehr nett, hilfsbereit und ständig werde ich von strahlenden Menschen auf französisch zu gequatscht und wünschte ich könnte sie verstehen. Die erste Nacht am Strand unter dem großen Mond war traumhaft schön, aber nun genug! Es gilt die Insel zu erkunden und, nun ja, einen Job zu finden… Mit meinen letzten 20-Seifenblasen-Euro werde ich wohl nicht weit kommen….;)




 

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Kommentare: 5
  • #1

    JoMa (Dienstag, 14 März 2017 17:30)

    Danke, Danke, liebe Pia, da haben wir endlich mal etwas ausführlichere Infos zum Reiseabenteuer unseres Walzers Jonny. Tolle Fotos...hast uns glücklich gemacht! Viel Spaß noch und bleibt sauber!

  • #2

    Ines Kriegel (Dienstag, 14 März 2017 22:12)

    Unglaublich, ihr Weltenbummler! Wir freuen uns sehr - für euch ist ein Traum in Erfüllung gegangen und wir durften, dank der wunderbaren Reiseimpressionen, ein wenig dabei sein. Ganz liebe Grüße auch an Jonny und euch allen noch eine atemberaubend wertvolle Zeit- bleibt gesund und glücklich! Eure Ines aus Dresden

  • #3

    Elfe (Sonntag, 19 März 2017 13:42)

    Ich freu mich, dass ihr so super entspannt unterwegs seit. Schön das du ein bischen Guitalele lernst!

    Liebe Grüße aus Leipzig!

  • #4

    Na relya (Freitag, 21 April 2017 09:09)

    Schöner Blog, bin seit 14 Tagen mit zwei Kindern unterwegs.

    Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, oder? ;)

  • #5

    micha von guigui ) (Donnerstag, 06 Juli 2017 11:45)

    hi pia, ich hab jetz mal einen deiner aelteren artikel gelesen. und es hat mich zu traenen geruhrt...deine lebensfreude und begeisterung , aber auch deine zweifel und aengste, die du davor hattest, kommen dank deines schreibstils echt gut rueber.

    du hast etwas geschaffen, was Bedeutung hat!
    das kann dir keiner mehr nehmen :)

    alles gute weiterhin. ich werde im herbst iwo zwischen kaspischem meer und schwarzem meer sein. vllt sieht man sich ja