Tag 29 - Willkommen in der Tourihölle

 

Zeit steht still auf langen Reisen:
Nichts scheint wirklich wichtig-
Nichts gleichgültig.
Das Leben ist gut zu uns,
sagst du.
Wir tanzen schillernd auf dem Ziffernblatt
Wie Funken überm Feuer

Entgegen der Nacht,
Entgegen den Sternen.
Entgegen der Norm.


Wir sitzen mit Café, Croissants und süßen Bananen auf der Spitze eines Berges, die Sonne hat uns früh geweckt.

 

Das Tal schläft noch, in der Ferne kräht ein Hahn, Hunde bellen, die Sonne schiebt sich langsam ins Tal. Adams Finger flitzen über die Gitarrensaiten, Anetta schlummert noch in ihrer Hängematte und ich muss plötzlich lachen:
Ich hatte weinend am Flughafen gestanden, als ich Berlin verließ, bis eine von den grimmigen Damen am Security-Check meinen Papageien entdeckte und mich fragte, ob sie ihn einer Kollegin zeigen dürfte und lachend mit Kalle auf dem Arm durch die Gegend zu flitzen begann.
Das war der Anfang meiner Reise und nun ist jeder Tag ganz anders und aufs neue wundervoll.

Ich wurde manchmal gefragt, ob ich vor irgendetwas weglaufen würde.
Manchmal fragte ich mich das selbst.
Ich fand die Antwort vor einigen Tagen an einem einsamen Strand an der Südküste Gran Canarias.
Wir liefen lachend und schwerelos durch den nassen Sand. Tatsächlich hatte ich Hanna noch nie so glücklich gesehen.
Generell scheinen mir die Menschen in Berlin oftmals nicht besonders glücklich zu sein. Besonders die, die mich fragen, ob ich vor irgendetwas weglaufen würde.
Das Leben müsse manchmal hart sein, ständig müsse man Dinge tun auf die man keine Lust habe, das sei eben so und ich sei naiv zu glauben, dass es anders funktionieren könne.
Ich habe 10€ in meiner Tasche und habe alles was ich brauche. Mein Besitz beschränkt sich auf den Inhalt meines Rucksacks und ich schlafe unter den Sternen ein und werde von der Sonne wach gekitzelt.

Wir waren 3 Stunden zu diesem Strand gewandert. Die Sonne versank langsam im Meer, als wir unter den Palmen ankamen und ich glaubte, dass Paradies gefunden zu haben.
Wir verbrannten Palmenwedel am Strand, Alex spielte auf seiner Hangdrum, die 8 Monate alte Naya schaute ihn bewundernd mit großen Augen an. Sternschnuppen, Feuerfunken, Gelächter.
Der Mond schien so hell, dass das Wasser glitzerte. Ein roter Kater kam des Weges und rollte sich auf Ronalds Hintern zusammen.
Wir schliefen in einem großen Menschenknäul unter einer Zypresse ein und ich wachte mit dem großen, schnurrenden Kater im Schlafsack auf.
Ich habe eigentlich gar keine Eile ein Segelboot in die Karibik zu finden.
Puerto de Mogan ist das letzte Dorf an der Südküste. Als ich hier ankam, dachte ich mir „Willkommen in der Tourihölle!“ - dicke Bäuche unter bunten Sonnenschirmen.
Als ich versuchte meine Postkarten zu verkaufen, blickte ich in viele angespannt wirkende Gesichter. Selbst im Urlaub wirken die Leute gestresst. In den Dünen von Maspalomas marschieren sie am Strand entlang, alle gemeinsam, aber jeder für sich.
Manchmal bleiben die Leute neben meinen bunten Karten stehen. Wenn ich sie strahlend anspreche, ob sie Interesse haben sagen sie trocken „Nein.“ und gehen weiter. Kein Lächeln, kein gar nichts. Ich zwinge ja niemanden meine Karten zu kaufen, für ein Lächeln verschenke ich sie gerne.
Ryan sagt es liegt an den Smartphones. Nach 3 Stunden auf der Straße senkt sich langsam meine Laune. Es sind meistens die Kinder die zu Kalle geflitzt kommen und die bunten Karten in den Händen halten. Vielleicht würden sie auf eine Karte schreiben „Heute habe ich einen bunten Papageien an der Promenade entdeckt, danach kaufte Mami mir ein Eis und Papa hat sich den Bauch am Strand verbrannt. Ich habe mit meinem neuen Freund Sebastian eine riesige Sandburg gebaut, mit Höhlen und Straßen und einem echten Burggraben. Zwischen den Steinen am Meer gibt es große, rote Krabben, die mit ihren Scheren kämpfen! Und in der Mitte der Insel gibt es einen echten Vulkan, es sieht hier ein bisschen aus wie in der Wüste – überall wachsen Kaktenen und Palmen. Ich habe auch einen echten Laverstein gefunden und zum ersten Mal Kaktusfeigen gegessen! Man muss auf die Stachel an der Schale aufpassen, innen sind sie ganz süß und haben viele Kerne….“
Erwachsenen ist es wichtig, dass ihr Touri-Höllen-Strand auf der Karte abgebildet ist. Dann schreiben sie vermutlich soetwas wie „Hier können wir mal richtig abschalten! Tobias hat eine Sandburg gebaut und wir liegen den ganzen Tag in der Sonne. Mit dem Hotel hatten wir diesmal nicht so ein Glück, das nächste Mal fahren wir wieder nach Teneriffa. Herzliche Grüße, Sabine, Thorsten und Tobias.“

Jedem das Seine. Ich denke nicht, dass Sabine gerne am Strand unter den Sternen schlafen würde, aber vielleicht ja doch?! Am Ende des Dorfes gibt es einen kleinen Vorsprung an der Klippe.
Jeden Abend versammeln sich hier Menschen jedes Alters, Geschlechts und Nationalität und gucken der großen, roten Sonne dabei zu wie sie langsam hinter der Wasserwand verschwindet. Manchmal segelt ein Boot an ihr vorbei und man hört ein Seufzen von allen Seiten.
Beim Sonnenuntergang werden für einen Moment alle eins. Ich sehe mir dann lieber die glückseligen Gesichter an, eingelullt in goldenes Licht, jeder für sich, aber alle gemeinsam.

Denn wenn man länger an einem Ort ist wird selbst die Tourihölle zum Zuhause, man trifft Einheimische, Reisende und ja, eben auch Touristen, die ihr Lächeln wiedergefunden oder nie verloren haben.
Lieber eine Flucht nach Vorne, als abzustumpfen, und sein Lachen zu verlieren.

Im Tal scheint nun die Sonne, eine kleine, flauschige Wolke schiebt sich an uns vorbei...

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